Dienstag, 21. März 2017

Klassiker: Das Lied der Anwendungen


Xu Xuanping
nach Song Shuming 1908
Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker




Sei leicht und gewandt
und versuche die verstehende jin-Kraft zu entwickeln.

Yin und Yang unterstützen einander,
ohne zu stagnieren.

Vier Unzen bewegen eintausend Pfund.
Dies muss man erreichen.

Dann kann man ganz dynamisch öffnen und schließen
und ist von Stabilität beherrscht.

Sonntag, 19. März 2017

Klassiker: Das Lied der acht Techniken


Xu Xuanping
nach Song Shuming 1908
Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker




Peng, lü, ji und an sind so einzigartig,
dass von zehn Fähigen zehn sie nicht verstehen werden.

Ist man gewandt, aber auch solide,
wird man Kleben, Anhaften, Verbinden und Folgen sicher beherrschen.

Cai, lie zhou und kao sind noch außergewöhnlicher,
aber setzt man sie falsch ein, sind sie nur vergeudete Ideen.

Werden Kleben, Anhaften, Verbinden und Folgen beherrscht,
wird man das Zentrum besetzen und es nicht mehr verlieren.

Montag, 27. Februar 2017

Ziran – das chinesische Konzept der Natürlichkeit


von Martin Bödicker

Ein wesentliches Konzept des Tai Chi Chuan, das immer wieder betont wird, ist die Natürlichkeit. Oft taucht dieser Begriff in Bezug auf die Führung der Bewegungen auf. So heißt es z.B. bei Wu Yinghua: „Ob in der Form oder im Pushhands, die Bewegungen sollten natürlich sein.“ (Ma, S. 24). Auch auf die Natürlichkeit der Atmung wird Wert gelegt. In einem Interview der Zeitschrift „Martial Arts“ (Martial Arts, S. 8) antwortet Ma Yueliang auf die Frage, ob das Studium des Tai Chi Chuan mit einer speziellen Atemtechnik verbunden sei: „Nein, man atmet ganz natürlich.“




Ma Jiangbao erläutert dies näher: Anstatt den Atem kontrolliert zu führen oder die Bewegung der Atmung anzupassen, soll beim Lernen der Form genauso geatmet werden wie sonst auch. Durch regelmäßiges Üben wird eine tiefe und volle Atmung erreicht und „die Atmung passt sich dann sehr natürlich der Bewegung an“. (Ma, S. 53 ff).

Die allgemeine Erklärung, dass beim Tai Chi Chuan die Bewegungen und die Atmung natürlich sein sollen, findet in der Regel jeder verständlich und passend. Doch wenn bei Bewegungen Schwierigkeiten in der Ausführung mit der Aufforderung „Ganz natürlich!“ kommentiert werden, stößt dies beim westlichen Tai Chi-Schüler oft auf eine Mischung aus Erheiterung und Hilflosigkeit. Hier entsteht ein Missverständnis aus Unkenntnis des Bedeutungshintergrundes des chinesischen Begriffs ziran, der im Tai Chi Chuan mit „Natürlichkeit“ übersetzt wird. Bei ziran handelt es sich um einen Begriff, der neben seiner umgangssprachlichen Bedeutung auch als philosophischer Fachterminus verwendet wird.




Ziran ist ein Zwei-Zeichen-Wort, das aus den Schriftzeichen zi und ran besteht. Eine einfache Übersetzung des Wortes ziran kann erfolgen, in dem man das Wort als Zusammensetzung aus seinen Einzelzeichen versteht. Im Wörterbuch (Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch) wird das Schriftzeichen zi mit „selbst“ und ran mit „so“ übersetzt. Ziran könnte also „selbst-so“ bedeuten.

Diese Übersetzung ist zwar recht einfach, gibt aber schon einen Hinweis auf den Ursprungsgedanken, der hinter dem ziran-Konzept steckt. Im erweiterten Wörtebucheintrag (Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch) unter ziran heißt es dann: „Natur, natürlich, von selbst, auf natürlichen Wege, dem Lauf der Dinge gemäß“. Ziran kann also mit Natur gleichgesetzt werden, impliziert aber auch eine innere Natur der Wesen und Dinge, welche selbst-so ist.

Schaut man in die Geschichte der chinesischen Philosophie, so findet sich dort die erste Verwendung des ziran-Konzeptes im Laozi, im Zhuangzi,im mohistischen Kanon und im Xunzi (siehe auch Röllike). Das ziran-Konzept ist als Antwort auf die Frage entstanden, was als dao bezeichnet werden kann. Im Laozi-Vers 25 heißt es dazu:

Der Mensch hat als Gesetzmäßigkeit die Erde.
Die Erde hat als Gesetzmäßigkeit den Himmel.
Der Himmel hat als Gesetzmäßigkeit das dao
und das dao hat als Gesetzmäßigkeit das ziran.

Bauer erläutert dazu: „Der Ausdruck ziran, wörtlich mit „von-selbst-so-seiend“ zu übersetzen, begegnet uns zuerst im Daodejing und bezeichnet dort die auf nichts anderes mehr zurückführbare Struktur des dao“. (Bauer, S. 202)

In der daoistischen Tradition v. u. Z. hieß dies, dass man durch den Rückzug in die Natur dem dao näher kam. Indem man dann die Natur beobachtete, imitierte und die menschliche Kultur verwarf, konnte man seine eigene Persönlichkeit vollenden. Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wandelte sich diese Vorstellung. Nun musste das dao nicht mehr unbedingt in der Natur selber gesucht werden, vielmehr wurde das eigene Selbst zum Spiegel des dao. Bei Bauer heißt es, dass „eben die alleinige Anerkennung des eigenen Selbst bei allen Lebensäußerungen und Handlungen das entscheidende Charakteristikum jeder „Natürlichkeit“ und „Freiheit“ ist, die beide der Natur und dem dao ebenso zukommen wie dem idealen Menschen“. (Bauer, S. 203)

Nach Wu Yinghua hat die Forderung nach Natürlichkeit auch damit zu tun, dass ein Großteil der Bewegungen im Tai Chi Chuan aus den traditionellen chinesischen Kampfkünsten stammt. Diese Bewegungen sind aber in Übereinstimmung mit der menschlichen Physiologie und den Gesetzen der Natur entwickelt worden. Im Tai Chi Chuan sagt man: „Shen xin ziran – Körper und Herz/Geist sind natürlich“. Durch die Ruhe der Bewegung und der Stille des xin (Herz/Geist) soll der Tai Chi-Übende seine eigene Natürlichkeit finden und pflegen.




Diese Form von Natürlichkeit bezieht sich auf Körper und Geist und ist nicht etwas, das automatisch vorhanden sein muss, sondern sie soll durch einen stetigen Prozess erarbeitet und erhalten werden. Deutlich wird dies auch bei Ma Jiangbaos oben genannten Ausführungen zur Atmung im Tai Chi Chuan (Ma, S. 53 ff): Obwohl die Atmung nicht bewusst gesteuert werden soll, wird die richtige Atmung nur erreicht, wenn die Körperhaltung korrekt ist: aufrechte Kopfhaltung, aufrechtes Steißbein, gerader Rücken, gesenkte Schultern, herabhängende Ellenbogen und gesenktes Becken. Dies sind aber Voraussetzungen, die für die nicht unbedingt selbstverständlich sind und oft erst durch regelmäßiges Tai Chi-Training erreicht und dann erhalten werden können.


· Bauer Wolfgang, China und die Hoffnung auf Glück,
DTV, München 1989
· Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch,
The Commercial Press, Hong Kong 1986
· Ma Jiangbao, Tai Chi Chuan, Mach:Art, Ratingen 1998
· Martial Arts, Heft Nr. 8, Martial Arts Verlag,
Stelle-Wittenwurth 1986
· Röllike Hermann-Josef, Der Ursprung des Ziran-Gedankens
in der chinesischen Philosophie des 4. und 3. Jhs v. Chr.,
Europäische Hochschulschriften: Reihe 27, Asiatische und Afrikanische Studien, Bd 51, Heidelberg, 1994

Montag, 23. Januar 2017

Ein Klassiker-Auszug

Aus: Wichtige Worte zu den kämpferischen Anwendungen

von Chen Changxin


Ganz gleich,
ob vorne, hinten, links oder rechts:
ein Schritt – ein Schlag.

Wenn man auf den Gegner trifft,
sollte es normal sein,
die Oberhand zu erlangen.
Ihm dabei aber die eigenen Techniken
nicht erkennen zu lassen,
das ist vortrefflich.




Die Kunst des Faustkampfes ist wie die Kriegskunst:

Greife dort an,
wo er nicht vorbereitet ist.
Schlage zu,
wo er es nicht erwartet.

Greife an, um zuzuschlagen.
Schlage zu, um anzugreifen.

Leer und dann Voll.
Voll und dann Leer.

Vermeide das Volle und greife die Leere an.

Aus:



Mehr Info: hier

Samstag, 21. Januar 2017

Text: Traktat zur Regulierung der Atmung


Liebe Leser,

die Regulation der Atmung ist ein wesentlicher Bestandteil der chinesischen Kultur. Meist wird sie im Bereich des Daoismus verortet. Im folgenden findet ihr einen Text von Zhu Xi (1130 - 1200 n. Chr.), dem großen Philosophen des Neokonfuzianismus. Er zeigt, dass auch im Konfuzianismus der Atmung eine große Bedeutung beigemessen wurde.

Viel Freude beim Schmökern

Martin Bödicker



Traktat zur Regulierung der Atmung

Zhu Xi


Das von mir verfasste Traktat zur Regulierung der Atmung zeigt eine Methode, das Herz und den Geist zu nähren. Sind Herz und Geist des Menschen nicht gefestigt, ist sein Ausatmen oft zu lang und sein Einatmen oft zu kurz.

Daher muss man die Atmung harmonisieren. Ist sie dann ruhig und gleichmäßig, werden sich Herz und Geist nach und nach festigen. Menzius bezeichnete dies als: den Willen bewahren und die Atmung nicht entgleiten lassen.




Da ist eine Helligkeit über der Spitze meiner Nase.
Ich konzentriere mich völlig auf sie.
Zu jeder Zeit.
An jedem Ort.
Zu jeder Gelegenheit.
Stille und Gelassenheit.
Erreicht die Ruhe ihren Höhepunkt, atme ich langsam aus,
wie ein Fisch im Frühlingsteich.
Erreicht die Bewegung ihren Höhepunkt, atme ich langsam ein,
wie ein Insekt im Winterschlaf.
Die Schwere der Atmung öffnet sich - wunderbar und endlos.
Wer oder was kontrolliert diesen Vorgang?
Es geschieht ganz ohne äußeres Dazutun.
Wie auf Wolken liegend.
Oder im Himmel wandernd.
Ich wage es kaum, es zu beschreiben.
Bewahre das Eine und verweile in Harmonie.
So kann man ein höchstes Alter erreichen.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Buch: Zhuangzi - Einige unnütze Gedanken

Liebe Freunde des Tai Chi Chuan,

lange Zeit habe ich gezögert, mich an den Zhuangzi zu wagen. Ich wusste nicht, ob ich ihm gerecht werden kann. Dabei ist Zhuangzi doch so essentiell für die chinesische Kampfkunst im speziellen und die chinesische Lebensart im allgemeinen.

Dann habe ich es einfach gewagt und vor Begeisterung gleich so einige Nächte mit ihm verbracht - danach lief es ganz von alleine - ich konnte kaum aufhören.

Jetzt ist das Buch fertig. Es liegt hier in meiner Hand und ich werde gleich noch einmal reinschauen - mit einer warmen Decke, einer Tasse Tee und etwas Schokolade. Vielleicht macht ihr ja mit.




Bestellen: hier

Inhalt:

- Zur Entstehung des Kosmos
- Zum Dao
- Das Qi
- Nicht-Handeln
- Von der Erkenntnis der Nicht-Erkenntnis
- Das Dao suchen
- Meditation
- Atemübungen
- Müheloses Agieren
- Den Körper bewahren
- Sein Leben leben
- Vom Nutzlosen
- Und wo bleibt die Moral?
- Der Herrscher
- Der wahre Mensch
- Zum Tod


https://www.amazon.de/Das-Dao-Zhuangzi-unnütze-Gedanken/dp/1539378241/

Dienstag, 4. Oktober 2016

Info: Neues Buch

Mitte Oktober soll ein neues Buch kommen - etwas Arbeit wartet noch.

Gruß an alle --- Martin